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Lesestück 6
Fünfter Brief über Leukas-Ithaka
A German Reading Selection (2)
For Intermediate Learners of German

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Fünfter Brief über Leukas-Ithaka:
Die Ergbnisse der Ausgrabungen von 1908

Ein Lesestück für Fortgeschrittene

von Wilhelm Dörpfeld

Continued from > Part One

Leukas, im Mai 1909.

Unser nächstes Ziel war die Syvota-Bucht, ein ganz geschlossener Hafen an der Südseite der Insel, offenbar identisch mit der Phorkys-Bucht Homers, jenem einsamen, von zwei Vorgebirgen geschlossenen Hafen, in den der heimkehrende Odysseus von den Phäaken gebracht wurde, damit er ungesehen sein Vaterland betreten und seine mitgebrachten Schatze verbergen konnte. Da die «Hohenzollern» wegen ihrer Grösse in dem engen Hafen nicht wenden konnte, stiegen wir alle auf den kleinen «Sleipner» hinüber und fuhren zwischen den Felsen hindurch in den wohlgeschützten Hafen hinein. Wie zur Zeit Homers ist der Hafen noch jetzt von Felsen und kleinen Sandplätzen, von alten Ölbäumen und Tropfstein-Grotten umgeben und sein heutiger Name erinnert uns noch an den göttlichen Schweinehirten Eumaios, denn [das griechische Wort für] Schweinehirt wird heute Syvotis ausgesprochen. Auch auf mehrere Namen der Umgebung konnte ich hinweisen, die von Schweinezucht in alter und neuer Zeit Zeugnis ablegen. Dass der einsame stille Hafen auf meine hohen Zuhörer, als ich ihnen die Verse Homers vorlas, einen grossen Eindruck machte und ihnen die Übereinstimmung zwischen den Angaben des Epos und der Wirklichkeit schlagend vor Augen führte, brauche ich wohl nicht zu versichern.
   Nachdem wir die Syvotabucht verlassen und den Sund zwischen Leukas und der Nachbarinsel Meganisi durchfahren batten, erreichten wir den in der Mitte der Ostseite gelegenen grössten und besten Hafen der Insel, die 3 Kilometer ins Land hineinreichende Bucht von Nidri oder Vlicho. Hier war die Stelle, wo nach Homer die Stadt Ithaka und das Königshaus des Odysseus gesucht werden musste. Die Angaben des Epos über die Stadt und den Hafen und über ihre Entfernung von dem südlichen Ende der Insel, der Stelle des Hofes des Eumaios, hatten mich mit Bestimmtheit zu der Bucht von Vlicho und zu der neben ihr gelegenen, 3 m Kilometer grossen Ebene von Nidri geführt. Hier hatte ich den Spaten angesetzt und in mehrjähriger Arbeit eine grosse Ansiedelung des 2. Jahrtausends vor Christo nachgewiesen. Die ersten zwei Jahre hatte ich vergeblich nach prähistorischen Ruinen und Vasenscherben gesucht, weil diese Reste unter einer mehrere Meter hohen Kieslage verborgen lagen. Aber der feste Glaube an die Wahrheit der homerischen Angaben, der durch zahlreiche gewissenhafte Beobachtungen bei mir entstanden ist, hat mir den Mut gegeben, die Grabungen trotz des Spottes meiner Gegner fortzusetzen und so die gesuchte Stadt zu finden.

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   Da Tausende von Menschen aus der ganzen Insel in Nidri zusammengeströmt waren, um den Deutschen Kaiser zu sehen und zu begrüssen, war eine Landung nicht gut möglich. Eine Besichtigung der Ausgrabungen würde auch nicht lohnend gewesen sein, weil die gefundenen Mauern und Graber fast alle wieder verschüttet worden sind. Ich konnte aber Ihren Majestäten und Ihrem Gefolge vom Schiffe aus sehr gut alles Sehenswerte zeigen. Ich erklärte den vorzüglichen, tief ins Land reichenden Hafen, die zwar kleine, aber reiche Ebene von Nidri mit den durch die Ausgrabung festgestellten vorhistorischen Häusern, Heiligtümern und Gräbern, den die Ebene gegen Norden schützenden Skarosberg, den Neios Homers, und auch das hohe Hauptgebirge der Insel, das homerische Neriton. Ich wies hin auf die Stelle am westlichen Gebirge, wo die Quelle entspringt, deren Wasser schon in prähistorischer Zeit durch Thonrohre in die Ebene hinabgeleitet war und jenen schönfliessenden Laufbrunnen speiste, den Homer (Od. XVII, 204) als das Werk dreier Könige von Ithaka schildert. Auch die Quelle beim Dorfe Neochori, die noch jetzt den Namen «Schwarzwasser» führt, konnte ich in der Ferne zeigen und dazu erzählen, dass wir später weiter unterhalb in der Ebene eine ähnliche Quelle mit schwarzem Erdboden gefunden haben.
   Während der Erklärung war der «Sleipner» an der Kapelle der Hagia Kyriaki vorüber in den Vorhafen und durch die Enge (Steno) in den Haupthafen hineingefahren und kehrte nun nach kurzem Aufenthalte zur Reede von Nidri zurück wo die «Hohenzollern» mit den anderen Schiffen zwischen den zahlreichen grünen Felseninseln Anker geworfen hatte. Die Tausende von Zuschauern, die am Strande und in den Häusern, auf Segelschiffen und festlich geschmückten Dampfern das seltene Schauspiel genossen, wurden nicht müde, durch Hochrufen und Tücherschwenken ihrer Freude über den hohen Besuch Ausdruck zu geben.

N E X T > Part 3: "Nachdem die Majestäten wieder die «Hohenzollern» bestiegen hatten..."

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