German Listening Comprehension
Besuch im Reichstag
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LISTENING PRACTICE for Intermediate to Advanced Learners of German
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Besuch im Reichstag
8.1 Im zweiten Teil von Schau ins Land führt uns der Weg nach Berlin, und zwar in den Reichstag,40 der fast die Hälfte seiner über hundertjährigen Geschichte ungenutzt blieb. Nun ist wieder Leben eingekehrt. Nach über 58 Jahren ist das gesamtdeutsche Parlament an seinen alten Tagung-sort zurückgekehrt. Am Schauplatz der deutschen Geschichte erwartet uns Norbert Grimm zu einem Rundgang durch den Berliner Reichstag:
8.2 Der Reichstag hat viel erlebt: Spott, Flammen, Kugelhagel. Seit 1999 ist er wieder die Bühne der deutschen Politik. ... Schon am Morgen stehen Schlangen vor dem Besuchereingang an der Westseite. Rechts reihen sich jene ein, die aufs Dach der Volksvertretung steigen wollen, links alle, die das politische Innenleben sehen möchten. Viele Schulklassen sind dabei, auch Besuchergruppen, die ihren Abgeordneten treffen wollen.
Besucherebene! ... Also der Andrang hier im Reichstag: Es ist höllisch, kann ich nur sagen. Es ist wirklich um einiges mehr wie in Bonn.41 Es ist ja nicht einfach nur so ein Haus. Hier kann zwar der Bundestag drin sein, aber Reichstag ist, ... es ist etwas Spezielles, die Geschichte schon drum herum. Wer hier in Berlin ist und nicht im Reichstag war, der war nie in Berlin. ... Bitte die Tür frei machen jetzt, ja!
8.3 Oben, im Rund der neuen Glaskuppel, kann man die bewegte Geschichte des Hauses nachlesen, alte Bilder betrachten von Männern mit Hüten, die unter gigantischen Kronleuchtern wandeln. Und von jener braunen42 Fraktion, die in Uniform mit Hakenkreuz ins Parlament einzieht. Man sieht das Feuer vom Februar 1933, dessen Urheberschaft bis heute umstritten ist. War es der holländischen Anarchist van der Lubbe,43 dem damals der Schauprozess gemacht wurde, oder doch Nazi-Brandstifter, die durch den Heizungstunnel kamen?
8.4 Zu den besseren Stunden des hohen Hauses zählt der 9. November 1918. Da trat Philipp Scheidemann44 auf den Balkon des Reichstages und die Republik nahm ihren Anfang:
Seid einig, treu und pflichtbewusst. Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!
Doch auch in der Weimarer Republik45 wurde das Parlament gerne als Schwatzbude verhöhnt. Wirklich beliebt sind Politiker noch immer nicht, und das Vertrauen schwindet wieder.
8.5 Ein anschwellender Klingelton ruft zur Plenarsitzung, die Arbeit im Zentrum des Hauses beginnt. Durchquert man vom Reichstag einen Tunnel in östlicher Richtung, so kommt man, von einem Laufband beschleunigt, ins Jakob-Kaiser-Haus.46 In der Haupthalle des großen Neubaukomplexes schwebt ein Kunstwerk: vier lange Achter, Ruderboote, schwarz, gelb, blau und rot angepinselt. Fortwährend heben und senken sie sich in dem viele Etagen hohen Raum.
Ebene 5, Neubau! ... Wenn die Leute so hören, Sie sind Bundestagsabgeordnete, bekommen Sie sozusagen die ganzen Vorurteile vor die Füße gekippt. Aber es will auch keiner wissen, wie es wirklich ist, weil das ist ja lästig, weil mit Vorurteilen kann man ja prima leben, hat man wenigstens jemanden, über den man lästern kann. Die stellen sich wirklich vor, wir würden Champagner schlür-fend von einer Einladung zur anderen schlappen und uns einen schönen Tag machen!
Die Abgeordnete Gisela Piltz (Düsseldorf, FDP47) ist neu dabei. Schon ruft wieder ein Klingeln zur nächsten Abstimmung. Auf den Monitoren in den Fluren flimmern die Termine für die nächsten wichtigen Sitzungen. Das geht in Sitzungswochen jeden Tag so, die Schlagzahl ist hoch. Die schwebenden Ruderboote in der Halle machen durchaus Sinn.
8.6 Wolfgang Bötsch aus Würzburg, CSU-Abgeordneter, sitzt mit schwarzrot-goldenen Hosenträgern hinterm Schreibtisch seines hübsch dekorierten Büros. Er ist 65, seit acht Wahlperioden im Parlament.
Ich finde es immer noch als eine Ehre, als eine Freude, Mitglied des Deutschen Bundestags zu sein. Damit ging bei mir ein Jugendtraum in Erfüllung.Präsidial-Ebene!
Ausgerechnet der Mann, über den sich Bötsch am liebsten lustig macht, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse48 (SPD), schildert ganz ähnliche Empfindungen, wenn er an den Tag zurückdenkt, als er zum ersten Mal in diesem Parlament saß:
Ich kann mich schon erinnern, dass ich sehr bewegt war, weil ich schon als kleiner Junge, in der DDR, hockend am Rundfunk, mit einer mich auch im Rückblick erstaunenden Begeisterung Bundestagsdebatten gehört habe.
8.7 Aus dem Plenarsaal tritt mit rollenden Augen der Abgeordnete Friedrich Merz. Am Pult attackiert gerade eine grüne49 Abgeordnete die Konzeptionslosigkeit der Opposition. Das müsse er nicht unbedingt hören, meint Merz lächelnd und sinkt auf eines der schwarzen Sofas in der Lobby.
Ich stelle mir bei dem ganzen Wust der Arbeit häufig die Frage: Setzen wir eigentlich die richtigen Prioritäten, sind wir da richtig sortiert? Auch die Art und Weise, wie wir arbeiten. Wir sind nicht effizient genug. In der Wirtschaft und in jedem Beruf wird immer wieder gefragt: Wie können wir effizienter arbeiten, wie können wir das, was wir einsetzen, schneller umsetzen? Wir bleiben hinter den Notwendigkeiten in der Politik leider immer weiter zurück.
Schon entschwindet Friedrich Merz wieder, mit schnellem Schritt.
8.8 ... Die Mediengesellschaft findet sich auf der Fraktionsebene des Reichtages ein, am Fuße der Glaskuppel. Nach unten blickt man von hier in den Plenarsaal hinein. Himmelwärts sieht man Reichstagsbesucher in Spiralen auf und ab ziehen. Die Fraktionsebene ist sozusagen die Messehalle der politischen Statements. Alle vier Fraktionen50 haben hier ihre
Sitzungssäle. Davor stehen mobile Pulte und Stellwände in freundlichen Parteifarben allzeit bereit, damit die Akteure immer einen perfekten Hintergrund haben, wenn die Kameras anspringen.
8.9 ... Es ist Abend geworden. Der Abgeordnete Schulz spricht zur Raumfahrt politik, 27 Abgeordnete hören ihm zu. Danach wird noch der Tier-schutz drankommen, die Lage der Künstler, die Themen Vaterschaft, Fahrradtourismus und zum Schluss die Lage in Venezuela. Die Sitzung wird erst um 21:37 Uhr enden. ... Die letzten Besucher entschwinden durch die große Glasschleuse am Westportal. Auf den Ecken des Reichstages flattern schwarz-rot-goldene51 Fahnen, effektvoll von unten angestrahlt.
Wir waren auf dem Dach. Wir gucken immer nur von oben rein ... und den Rest lese ich ja morgens in der Zeitung.
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NOTE: This sound file and transcript were originally published in Schau ins Land audiomagazine (read my review) and are used with the permission of Champs-Élysées, Inc.
